• Kein Kohlenstoffdioxid mehr beim Heizen?

Kein Kohlenstoffdioxid mehr beim Heizen?

15.10.2020 THOMAS AMMANN dipl. Arch. FH, Ressortleiter Energie- und Bautechnik beim HEV Schweiz

Energiepolitik – Mit dem neuen CO2-Gesetz sollen neue Vorgaben über alle Sektoren eingeführt werden. Im Gebäudebereich wird insbesondere der neue CO2-Grenzwert zu einem aufwendigeren Heizungsersatz führen.

In der vergangenen Herbstsession hat das Parlament das neue CO2- Gesetz verabschiedet. Während diesmal vorwiegend die Flugticketabgabe im Zentrum der öffentlichen Diskussion stand, sind mittlerweile beinahe alle Bereiche vom CO2- Gesetz betroffen. Die Industrie wird weiterhin verpflichtet, am Emissionshandelssystem teilzunehmen und Verminderungsverpflichtungen zu erfüllen. Die Autobranche muss beim Import von Neuwagen laufend tiefere Verbrauchswerte einhalten, ansonsten drohen Bussen. Die Kompensation des CO2-Ausstosses aus Treibstoffen darf inskünftig in grösserem Ausmass auf die Preise überwälzt werden. Entsprechend erhöhen sich die Abgaben auf Benzin um weitere 5 Rp. pro Liter, ab 2025 um 7 Rp. pro Liter. 

Erstmals wird auch der Flugverkehr miteinbezogen. Neben den Abgaben auf die Flugtickets im Umfang von Fr. 30.– bis 120.– wird auch die Luftfahrt verpflichtet, sich am Emissionshandelssystem zu beteiligen. Die bisherige Teilzweckbindung aus der CO2-Abgabe wird neu in einen Klimafonds überführt, aus dem verschiedenste Förderprogramme alimentiert werden sollen. Unter anderem sind auch Förderbeiträge für den Ersatz fossiler und elektrischer Gebäudeheizungen vorgesehen. 

Auswirkungen im Gebäudebereich

Im Rahmen der CO2-Abgabe auf Brennstoffe und der Sektorziele war der Gebäudebereich bereits vom bisherigen CO2-Gesetz betroffen. Der neue Gesetzesvorschlag baut die Sektorziele aus, und die CO2-Abgabe soll bis auf Fr. 210.– pro Tonne CO2 erhöht werden können (ca. 55Rp./l Heizöl). Zusätzlich wird ab 2023 ein CO-Grenzwert eingeführt. Dieser Grenzwert schränkt den CO2-Ausstoss aus fossilen Brennstoffen auf 20 kg CO2 pro Quadratmeter Energiebezugsfläche (EBF) und Jahr ein. (Die EBF entspricht der beheizten Bruttogeschossfläche.) In Fünfjahresschritten wird dieser Grenzwert dann um je 5 kg CO2 gesenkt. Ab dem Jahr 2033 dürfen fossil betriebene Heizungen demnach nur noch 10 kg CO2 / m2 EBF ausstossen.

Kantone, welche die neuen Energievorschriften (MuKEn 2014) – und damit verbunden, die Auflage zum Einsatz erneuerbarer Energie beim Heizungsersatz – umgesetzt haben, erhalten einen Aufschub der Grenzwerteinführung bis 2026. Aktuell sind dies die Kantone AI, BS, FR, JU, LU, OW und TG. 2021 kommen der Kanton Graubünden sowie weitere Ostschweizer Kantone und Neuenburg dazu, welche die neuen Energiegesetze im Laufe des nächsten Jahres einführen dürften. Der neue Grenzwert gilt, sobald eine fossile Heizung ersetzt wird. Solange die bestehende Heizung einwandfrei läuft, kann diese auch ohne neue Auflagen betrieben werden. Wird die Heizung jedoch ersetzt, muss der zu diesem Zeitpunkt gültige Grenzwert eingehalten werden.

Bei einem Heizungsersatz müssen die neuen CO2-Grenzwerte eingehalten werden. Der Grenzwert von 20 kg CO2 pro Quadratmeter EBF wird in Fünfjahresschritten um jeweils 5 kg CO2 tiefer angesetzt. GRAFIK HEV SCHWEIZ

Wer ist betroffen?

Wie die Grenzwerte genau berechnet werden, ist zurzeit noch nicht klar. Bund und Kantone arbeiten aktuell an der Verordnung zum CO2-Gesetz, welche im Frühling 2021 in die Vernehmlassung kommen soll.

Eine vereinfachte Abschätzung kann bereits heute vorgenommen werden. Der Ausstoss an CO2 pro Liter Heizöl extraleicht beträgt 2,65 kg CO2, beim Erdgas etwa 2,11 kg CO2 / m3. Der eigene Verbrauch in Liter Heizöl oder Kubikmeter Gas kann nun mit dem vorgenannten Wert multipliziert und danach durch das Total der EBF geteilt werden. Zu dieser werden sämtliche beheizten Wohnflächen, deren Raumhöhe mehr als einen Meter (Kniestock) beträgt, dazugezählt. Dabei wird die Fläche inklusive Aussenwände gemessen.

Der so ermittelte CO2-Ausstoss pro Quadratmeter hilft, die eigene Liegenschaft einzustufen und sich verschiedene Vorgehensweisen zurechtzulegen. Bei sehr schlecht gedämmten Objekten kann es sich allenfalls lohnen, die Heizung vor 2026 zu ersetzen und eine Standardlösung gemäss kantonalem Energiegesetz umzusetzen. Dadurch bleiben weitere zwanzig Jahre Zeit, um die Liegenschaft dahingehend zu verbessern, dass der Energiebedarf reduziert werden kann und der Einsatz einer Wärmepumpe möglich wird. Bei Objekten, die nicht ganz so viel Energie benötigen und deren Heizung noch ein paar Jahre läuft, kann diese Zeit genutzt werden, um die Hülle zu optimieren. Anschliessend können, allenfalls mit einer bivalenten Heizung – einer Kombination aus Wärmepumpe und Verbrennungsheizung –, die neuen Grenzwerte erreicht werden.

Die Lösungsmöglichkeiten sind so vielfältig wie die Gebäude und deren Eigentümer selbst. Es lohnt sich deshalb, den Heizungsersatz über eine längere Periode hinweg zu planen und zusammen mit einer Fachperson die nächsten Schritte zu besprechen. Einen ersten Eindruck kann sich ein Laie auch anhand des Online-Tools eVALO (www.evalo.ch) verschaffen. Für eine detaillierte Analyse ist ein Gebäudeenergieausweis mit Beratungsbericht GEAK Plus oder eine Impulsberatung zum Heizungsersatz (www.erneuerbarheizen.ch) empfehlenswert. Beide Produkte werden von den meisten Kantonen auch finanziell unterstützt.

Der politische Prozess geht weiter

Die Änderungen des neuen CO2- Gesetzes werden Auswirkungen auf den Heizungsersatz mit sich bringen. Die Investitionskosten werden zwar tendenziell steigen, diese Kosten aber können dank Energieeinsparungen und eines geringeren Unterhalts über die Lebensdauer hinweg kompensiert werden. Einzelne Gewerbezweige dürften stärker von den erneuerbaren Energieträgern profitieren, andere wiederum werden bald nicht mehr gefragt sein. Allerdings werden auch die Auswirkungen der Klimaerwärmung Mehrkosten zur Folge haben, die sich heute nur schwer abschätzen lassen.

Auch wenn das Parlament die Gesetzesvorlage deutlich angenommen hat, haben bereits mehrere Automobilverbände und die Erdölvereinigung das Referendum zum CO2-Gesetz lanciert und ihre Unterschriftensammlungen gestartet.

Verschiedene Erhebungen unter den 125 regionalen HEV-Sektionen und -Kantonalverbänden haben gezeigt, dass die Meinungen zum CO2-Gesetz enorm breit gefächert sind. Diese grosse Bandbreite an Meinungen widerspiegelt sich denn auch im knappen Entscheid des Vorstands, der HEV-Delegiertenversammlung von Ende November eine Unterstützung des Referendums zu beantragen.

Es darf davon ausgegangen werden, dass die von den Auswirkungen der neuen Bestimmungen direkt betroffene Schweizer Stimmbevölkerung im nächsten Jahr über das CO2-Gesetz abstimmen wird.

Das vorliegende CO2-Gesetz stellt lediglich einen Zwischenschritt dar. Zwar orientiert es sich am sogenannten Netto-Null-Ziel bis 2050, die darin geregelten Massnahmen beziehen sich jedoch auf die kommende Dekade bis 2030. Deutlich forscher geht hier die Gletscherinitiative vor, die ab 2050 ein gänzliches Verbot fossiler Energieträger vorsieht. Nicht reduzierbare Treibhausgase, z.B. aus der Landwirtschaft oder aus dem Flugverkehr, müssten nach 2050 durch Treibhausgassenken im Inland kompensiert werden. Ebenfalls hätte die Initiative zur Folge, dass ab 2050 noch funktionierende, fossil betriebene Heizungen nicht mehr genutzt werden dürften. Unabhängig vom CO2-Gesetz oder der Gletscherinitiative ist klar: Eine vorausschauende und langfristig ausgelegte Gebäudestrategie wird immer wichtiger.